Juristische Rhetorik

02.07.2014 18:21 von Christian Roppelt

„Recht und Rhetorik gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille“ so Prof. Dr. Wolfgang Gast in seiner Juristischen Rhetorik. Dieser Vergleich eröffnet  die Frage, welche der beiden Disziplinen die Rückseite der Medaille sei, die in der Wendung als Kontrast zur glänzenden Hauptseite gesehen werden könne? Oder gehören vielmehr Rhetorik und Recht untrennbar zusammen? Wie ergeht es den Juristen in der Praxis?

Schon in der Antike wies Aristoteles der Gerichtsrede (génos dikanikón) – welche mit Blick auf Vergangenes über Recht und Unrecht urteilt – eine besondere Bedeutung in der Rhetorik zu. Die Einsicht, in rechtlichen und öffentlichen Angelegenheiten gut reden zu müssen, prägte auch die Ausbildung des Mittelalters. Innerhalb des Triviums – das mit der Grammatik, Rhetorik und Dialektik die logisch-argumentativen ausgerichteten Fächer der Freien Künste (artes liberalis) bildete – hatten insbesondere juristische Themen ihren Platz im Lehrbetrieb. Doch mit dem Aufkommen der Neuzeit gewann das rationale Ideal die Oberhand wonach jegliches Wissen nach mathematischem Vorbild zu erlangen sei (more geometrico). Folglich wurde die Redekunst in ein jahrelanges schattiges Randdasein verbannt.

Rhetorik und Jurisprudenz in der heutigen Praxis

Während sich die Rhetorik heutzutage als Wissenschaft aus ihrer Außenseiterrolle emanzipieren und fächerübergreifend durchsetzen konnte, bewegen sich diesbezüglich die Erkenntnismühlen der Jurisprudenz nur langsam.
Fragte man noch vor wenigen Jahrzehnten führende Juristen zu der Rolle der Rhetorik in der Rechtslehre, so erhielt man laut den Ausführungen von Prof. Dr. h.c. mult. Dieter Simon folgende Antwort: „Gesetze und sonstige Normen seien Bestandteile der objektiven Rechtsordnung und dürften nicht als bald nützliche, bald nutzlose Argumente zum Spielball einer erfolgreichen, persuasiven Rede gemacht werden“. Doch die Realität sähe anders aus: „Von der Rechtsnorm zum Fall führt kein direkter, logisch abgeleiteter, sondern nur ein vielfach gewundener, argumentativer Weg, der nicht ohne anspruchsvolle Persuasion auskommt“.

Rhetorik in der juristischen Ausbildung

Die Rhetorik findet mittlerweile kraft Gesetzes ihren Platz in der juristischen Ausbildung: Seit dem 1. Juli 2003 bestimmt §5 a Absatz 3 Satz 1 des Deutschen Richtergesetzes (DRiG), dass den Studenten auch die sogenannten Schlüsselqualifikationen zu vermitteln sind, darunter auch ausdrücklich die Rhetorik (vgl. Tonia Walter, 2009). Schon während des Studiums sollte nach Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schliefen – Inhaberin des Lehr­stuhls für Öf­fentli­ches Recht, juris­tische Rhe­torik und Rechts­philo­so­phie an der Fern-Universität Hagen -  ein rhetorisches Bewusstsein nachhaltig durch Erfahrungen und praktisches Handeln entwickelt werden. Beispielsweise die juristische Relationstechnik bei Fallschilderungen, bei der durch Kurzvorträge, Kurzreden oder Streitgespräche das pointierte und strukturierte Reden und Argumentieren sowie die Fähigkeit zur anschaulichen, bildhaften und lebendigen Sprache entwickelt werden. Gesprächsrhetorische Kompetenzen sollen anderseits den angehenden Juristen die Fähigkeit vermitteln die Persönlichkeit, das Befinden und die Meinungen eines Gesprächspartners zu antizipieren.

Fazit für die juristische Praxis

Kurz gesagt: Juristen bedienen sich in der Rechtspraxis rhetorischer und argumentativer Techniken. Ob Anwälte, Richter oder Wissenschaftler: Der rechtspraktische Alltag ist durchsetzt von dem Suchen von Mandanten, von Gesprächen mit bereits bestehenden Mandanten, aber auch mit dem Verfassen von Texten, dem Überzeugen in Teambesprechungen, Reden und Vortragen oder Moderieren und Schlichten.

Dementsprechend vielfältig ist auch der Schulungs-, Trainings- und Coachingbedarf: Angefangen von der überzeugenden Argumentation innerhalb und außerhalb des Gerichtssaals, der Profilierung, dem Auftritt und der Mandantenakquise für selbstständige Anwälte, der Vermeidung und Prävention von Konflikten bis hin zur Mitarbeiterführung für kleine und große Kanzleien: Kommunikative Kompetenz und juristische Praxis gehören untrennbar zusammen.

Die Rhetorik kann somit nicht nur als die Kehrseite der Rechtsmedaille angesehen werden, sondern bildet mit Rechtsnormen und Gesetzbüchern das Fundament der Rechtspraxis. Abschließend die resümierenden Worte Werner Simons: „Der Widerstand der Juristen gegen die Gleichsetzung von Rechtskunst und Redekunst wird zusammenbrechen. Sie werden ihre Argumentationstechniken als Rhetorik akzeptieren und Form, Stil und Ästhetik wieder zu Ehren bringen“.

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