Rhetorik als Krisenmanagement

06.01.2012 00:00 von Janek Bettinger

Eine Analyse des Interviews soll 2 Frage klären: Wie könnte oder sollte allgemein ein Redner während einer Krisensituation auf sein Publikum rhetorisch einwirken und insbesondere: konnte das Interview zum erhofften Befreiungsschlag werden? Das Interview gibt es am Ende dieses Beitrages in voller Länge.


Die Rolle des Bundespräsidenten lässt sich in der klassichen Redegattung der Festrede verorten, einer Möglichkeit durch gutes Reden zu wirken (genus demosntartivum).  Zu sehen war aber ein Christian Wulff, der in einer für seine Rolle sehr untypischen Verteidigungsrede, seine Glaubwürdigkeit zu verteidigen versuchte (genus judicale). Konnte dieses Vorhaben gelingen? Warum spielte vor allem seine Glaubwürdigkeit in diesem Zusammenhang eine so wichtige Rolle?

Charakter, Image und Glaubwürdigkeit
Schon der antike griechische Rhetoriker und Philosoph Aristoteles sah den Charakter eines Redners (ethos) als wichtiges Element in einem erfolgreichen rhetorischen Überzeugungsprozess. In der modernen Kommunikationstheorie spricht man in diesem Zusammenhang von dem Begriff des Images, dem Gesamteindruck einer Person. Nach Aristoteles sollte ein Redner drei wichtige Merkmale zum Vorschein bringen, um eine tadellose Imagedarstellung zu gewährleisten: 1. Einsicht und Sachkompetenz (phronesis), 2. Integrität und Vertrauenswürdigkeit (arete) und 3. Gute Gesinnung und Wohlwollen (eunoia).

Diese Merkmale sollten für die Rolle des Bundespräsidenten erst recht gelten, dessen Aufgabe vor allem darin besteht, als Vorbild durch Reden zu wirken. Vorbildfunktion und die erforderliche Integrität eines Redners beschäftigten auch die römischen Gelehrten, wie z. B. Marcus Cato, der in einem guten Redner „einen Ehrenmann der reden kann“ sah. Der spanische Dominikaner Fray Luis de Granada fragte sich sogar „wenn [ein] Redner […] ein Ehrenmann der reden kann sein soll, um wie viel mehr muss derjenige an sich arbeiten, der die Menschen dazu bewegen will, die Laster zu hassen und die Tugenden zu lieben? (Retórica 501B).“ Die Würde eines hohen öffentlichen Amtes, wie dem des Bundespräsidenten erfordert somit einen tadellosen, vorbildlichen, kompetenten, integeren und glaubwürdigen Charakter.

Reden vor einem kritischen Publikum
Ein Millionenpublikum sah mit Christian Wulff einen Redner, der in eigener Sache zu überzeugen, seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen und sein Image zu verbessern versuchte. Als Zielpublikum können im weitesten Sinne die kritischen Zuschauer gesehen werden, die die Glaubwürdigkeit des Bundespräsidenten in Frage stellen. In der Rhetorik spricht man bei problembehafteten Redeinhalten heute, wie auch schon in der Antike, von den Vertretbarkeitsgraden einer Sache oder einer Person. In diesem Fall handelt es sich um einen Sachverhalt, der gegen Gesetze oder allgemeine Vorstellungen verstoßen haben könnte, und somit einen schweren Vertretbarkeitsgrad vor dem Publikum darstellt (genus admirabile). Die Strategie in diesem Fall muss lauten: zum einen durch einen demütigen und bescheidenen Auftritt (humilitas, humiliatio) die Sympathien und das Wohlwollen der Zuschauer wiederherzustellen (captatio benevolentiae). Anderseits sollte durch eine transparente Aufklärung alle Zweifel an der Sache und der Person beseitigt werden. Nur so kann die Glaubwürdigkeit der kritischen Zuschauer wiedergewonnen werden.

Schuldeingeständnis und ehrliche Reue
Wie kann nun eine öffentliche Persönlichkeit in Krisensituationen ihr angekratztes Image wiederherstellen? Wenn man sozusagen erwischt wird, ist es im Sinne eines erfolgreichen Krisenmanagements sehr wichtig, so schnell wie möglich zu reagieren. Wer in Krisenzeiten die Macht über seine eigenen Enthüllungen verliert, kann nur noch reagieren anstatt kontrolliert zu agieren. Die kommunikative Praxis in Krisenzeiten zeigt, dass folgende Grundregeln als Basis für ein erfolgreiches Krisenmanagement gelten können, vor allem wenn die Fakten nicht mehr verleugnet werden können:

1. Schuld voll und ganz eingestehen und auf sich nehmen!
2. Zum Ausdruck bringen, dass einem die Sache furchtbar leid tut!
3. Vorhaben klar ankündigen, in der Sache was zu unternehmen und sagen, wie das konkret aussehen soll!

(zu 1+2) Wurde die Schuld voll und ganz eingestanden und Bedauern zum Ausdruck gebracht?
Dazu ein paar ausgesuchte Passagen aus dem Interview:

„Der Anruf bei dem Chefredakteur der 'Bild'-Zeitung war ein schwerer Fehler, der mir leid tut, für den ich mich entschuldige"
"Ich habe nicht versucht, sie zu verhindern. Ich habe darum gebeten, einfach abzuwarten […]“
„Vielleicht muss man die Situation auch menschlich verstehen. […], dann muss man sich auch vor seine Familie stellen. […].Und trotzdem ist man Mensch, und man macht Fehler. Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf […] dann verändert sich die Republik zum Negativen.“

Christian Wulff hat einerseits demütig die Schuld auf sich genommen (humilitas, humiliatio), sich aber gleichzeitig als Opfer der medialen Öffentlichkeit inszeniert. An die Menschlichkeit der Zuhörer zu appellieren (pathos) ist im Grunde eine gute Strategie, um Emotionen zu wecken und Sympathien wiederzugewinnen. Entscheidend wäre nur, diesen Versuch nicht durch parallel laufend konträre Strategien zu neutralisieren. In diesem Sinne wirkte sich vor allem die Relativierung des Inhalts des Bildzeitungsanrufs sehr nachteilig auf die Glaubwürdigkeit aus. Diese neue Deutung führte so zu Reaktionen und zu einem Widerspruch seitens der Bildzeitung, was zu Misstrauen führt.
Eine weitere dieser Situation nicht angemessenen Strategie war die Verwendung von „man“- Formulierungen, anstatt direkt für die Kritikpunkte einzustehen. Damit wurde versucht Verantwortung von sich zu weisen, anstatt die Schuld voll und ganz auf sich zu nehmen. Anderseits kann die Formulierung „wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf […] dann verändert sich unsere Republik zum Negativen“ als Taktik gesehen werden, den „Mann im Volk“ und dessen Meinungen (endoxa) zu erreichen. Schlussendlich werden auch die Meinungsumfragen mitentscheiden, ob Herr Wulff Bundespräsident bleibt. In diesem Fall ist es aber offensichtlich, dass diese pathetische Forderung "keine Freunde haben zu dürfen" an der Sache vorbeigeht.

Zusammenfassen muss die inhaltliche Ambivalenz als unangemessene und falsche Strategie der Verschleierung im Ergebnis festgehalten werden: Einsicht, Demut und Reue wurden beabsichtigt aber letzten Endes nicht ausreichend verwirklicht.


3. Wird das Vorhaben klar ankündigt, in der Sache was zu unternehmen und
gesagt, wie das konkret aussehen soll?

„[…] dann kann ich nur sagen: Ich gebe Ihnen gern auf die 400 Fragen 400 Antworten. […]Ich glaube, diese Erfahrung, dass man die Transparenz weitertreiben muss, die setzt auch neue Maßstäbe. Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen“

„Ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen […] Ich musste ja auch einen Lernprozess machen […] Und ich möchte vor allem Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Presse- und Meinungsfreiheit haben […] Ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen, sie als Mittler stärker einbinden und anerkennen. Sie haben eine wichtige Aufgabe in der Demokratie.“

Die Strategie transparente Aufklärung zu betreiben und die konkrete Ankündigung, wo und wie das geschehen soll, ist ein richtiger Schritt die Angelegenheit zu klären. Natürlich muss diese Ankündigung auch in die Tat umgesetzt werden. Jede Verzögerung könnte diesen Punktgewinn wieder zunichte machen und den Verdacht der Salamitaktik und der Verschleierung untermauern. Allerdings war die Betonung der Absicht, vor Grundrechten und der Pressefreiheit Respekt haben zu wollen nicht glücklich gewählt. Besser wäre es gewesen diese Absicht  aufgrund seiner präsidialen Position gar nicht explizit hervorzuheben und wenn, dann als eine Selbstverständlichkeit zu kommunizieren. Schon die Notwendigkeit eines richtigen Amtsverständnisses würde eine solche Formulierung verbieten.

Mimik und Körpersprache
Interessant wäre auch eine kurze Betrachtung der Körpersprache während des Interviews:
diese war zurückgenommen und defensiv. Die Füße wurden unter dem Stuhl nach hinten geschoben, die Körperhaltung war leicht gebückt und die Hände lagen oft in verschlossener Haltung. Die Stimme war zögerlich und leise und der Blick des Öfteren gesenkt und nicht auf die Gesprächspartner gerichtet. Einerseits ist diese Körpersprache der starken Drucksituation geschuldet und angemessen in Anbetracht der Absicht zur Bescheidenheit und ehrlichen Reue (humilitas, humiliatio). Anderseits aber hätte die Körpersprache spätestens bei der Ankündigung der weiteren Schritte selbstbewusster erscheinen müssen: eine aufrechtere Haltung und eine klarere und kräftigere Stimme. Gemessen an der notwendigen präsidialen Würde kann die beobachtete Körpersprache nicht immer als angemessen charakterisiert werden.

Herr Wulff beendete das Interview auf die Rücktrittsfrage mit einem Zitat von Harry S. Truman: “Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt haben soll.” Das Zitat wurde allerdings signifikant verändert wiedergegeben: Truman sagte: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.“  Die Übersetzung hierfür lautet eher “Wenn Du die Hitze nicht aushältst, verlasse die Küche.”

Fazit
Um einen rhetorischen Überzeugungsprozess erfolgreich gestalten zu können, sollte eine einheitliche Gewichtung der rhetorischen Überzeugungsmittel angestrebt werden: der klare und richtige Sachverhalt (logos), der Charakter des Redners (ethos) und die Meinung und Stimmung des Publikums (pathos). Im besonderen Maße muss der Charakter des Redners den Maßstäben der Einsicht, der Integrität und der Glaubwürdigkeit genügen. Wenn sich ein Bundespräsident zu unüberlegten Äußerungen hinreißen lässt, könnte man ihm schnell fehlende Einsicht unterstellen. Wenn dieser allerdings zusätzlich die Aufklärung der Sache zu verschleiern versucht, leidet vor allem seine Intergrität und Glaubwürdigkeit darunter. Ohne diese Kriterien wäre ein weiteres erfolgreiches Ausführen des Amtes als Bundespräsident undenkbar.

In einer Krisensituation bedarf es einer spezifischeren Strategie um eine Schadensbegrenzung und im Idealfall eine Rehabilitation zu erreichen. Christian Wulffs Fernsehinterview sollte ein in diesem Sinne ein Befreiungsschlag werden. Aufgrund strategischer Fehler auf allen Ebenen rhetorischer Überzeugungsmittel kann allerdings nicht von einem Befreiungsschlag gesprochen werden. Viele offene Fragen und eine immer noch fehlende Transparenz und Glaubwürdigkeit werden auch weiterhin den Fall in den Schlagzeilen halten. Mal wieder bewahrheitet sich eine alte rhetorische Weisheit: Oft wird nicht der Fehler selbst zum Problem, sondern der Umgang damit gegenüber der Öffentlichkeit und den Medien.



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