Joachim Gauck

27.07.2012 14:46 von Christian Roppelt

bz-berlin/dapd
Bild: DPA

Boris Kositzke, jahrelanger Lehrbeauftragter für Rhetorik an der Universität Tübingen, hat Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede beobachtet und genauer hingehört: Was muss ein Redner im Rahmen einer solchen Rede beachten, um sein Publikum zu überzeugen? Herr Kositzke ist rhetorischer Berater in Politik und Wirtschaft und fungiert regelmäßig als Experte z. B. in der Zeit, der Süddeutschen und den Stuttgarter Nachrichten sowie beim Deutschlandfunk und Phoenix. attentum-consulting bedankt sich für seine Einschätzung und Analyse!

Die rhetorische Analyse:

Joachim Gauck hat am vergangenen Freitag eine gute Rede gehalten. Aber dennoch wird seine Rede einige enttäuscht haben. Doch diese Enttäuschung war notwendig, und sie liegt nicht in einem Mangel an rhetorischer Kompetenz, sondern ist gerade Folge seiner Kompetenz.

Enttäuscht sein musste jeder, der von Gauck ein entschiedenes Plädoyer zu den wichtigen Themen unserer Zeit erwartet hatte (zur Frage, ob und wie die Macht des Kapital national und international begrenzt werden kann; zur Frage, ob und wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen lokal und global erhalten können, zur Frage, wie unser Bildungssystems zu gerecht gestaltet werden kann usw.). Ein solches Plädoyer wollte und durfte Gauck hier nicht halten – und es muss vorerst offen bleiben, ob er es gekonnt hätte. Für diese Zurückhaltung gibt es drei Gründe.

Der erste Grund liegt im neuen Amt: Der Bundespräsident ist Repräsentant des Staates und aller seiner Bürger. Diese Tatsache gebietet nicht Enthaltung aber doch große Zurückhaltung darin, sich in die Auseinandersetzung über politische Streitthemen einzumischen.

Der zweite Grund folgt aus dem Zeitpunkt der Rede: wie beinahe alle seiner Vorgänger im Amt muss auch Gauck seine Aufgaben erst finden. Das ist bei ihm nicht eine Verlegenheit aus Mangel an Ideen und Engagement – das ist eine Folge der neuen Rolle: der gewählte Gauck ist nicht mehr der „reisende Politiklehrer“ in eigener Sache und darf es nicht mehr sein.

Und der dritte Grund liegt in der Funktion jeder Antrittsrede: sie ist eben kein Plädoyer, sie ist eine Vorstellung, ein Glaubensbekenntnis – und eine solche Rede muss vor allem eines leisten: sie muss allen gefallen.

Die Gattung der Gelegenheitsrede
Nach rhetorischer Gattungslehre ist diese Rede eine „Gelegenheitsrede“ – und ‚gefallen‘ muss sie ihrem Publikum in zweierlei Hinsicht. Erstens natürlich technisch, indem sie sprachlich kunstvoll verfasst ist und ebenso vorgetragen wird: die Formulierungen müssen anspruchsvoll, Stimmführung und Körpersprache angemessen und sicher sein. Zweitens aber sollte die Rede auch inhaltlich gefallen – und eben das geht nur auf eine einzige Weise: der Redner darf nicht zu Streitfragen Stellung beziehen. Das bedeutet freilich nicht, dass er nicht in irgendeiner Weise Position beziehen darf, aber eben keine kontroverse Position. Das Publikum einer solchen Gelegenheitsrede – so sagt schon Aristoteles in seiner „Rhetorik“-Vorlesung - ist entsprechend kein Publikum, das aufgrund der Rede in einer Sachfrage zu urteilen hat, sondern ein Publikum, das genießen soll.

Das bedeutet nun aber nicht, dass man in dieser Gattung nur mittelmäßige Reden halten kann. Es gibt in der Geschichte der Bundesrepublik dafür große Bespiele, etwa die Weizsäcker-Rede zu 40sten-Jahrestag des Kriegsendes 1985 oder die Rede von Hannelore Kraft auf der Trauerfeier für die Opfer der Loveparade 2010.

Was macht also ein Redner inhaltlich bei einer solchen Rede?
Er muss einen Konsens, der im Publikum bereits – ausgesprochen oder unausgesprochen – vorhanden ist, aufgreifen und die richtigen Worte dafür finden. Und genau das tut Gauck: Er formuliert ein Glaubensbekenntnis, dem niemand im Raum seine Zustimmung verweigern kann.

Aber diese allgemeine Zustimmung hat eben auch ihren Preis. Denn der Redner erreicht sie nur auf zwei Arten: er formuliert solche Aussagen, die alle akzeptieren können, oder er formuliert Aussagen so, dass sie alle akzeptieren können.

Beides findet sich denn auch in der Rede Gaucks im Überfluss: ‚die repräsentative Demokratie sei die beste Staatsform‘ hören wir da und nicken beruhigt, ‚sie wirke ausgleichend zwischen Gruppeninteressen und Gemeinwohl‘ wird uns gesagt, und wir erinnern uns an längst Gewusstes. ‚Parteien und Institutionen‘ seien wichtig – wer wollte das bestreiten – aber ‚ergänzt würden sie durch eine aktive Bürgergesellschaft‘ – das ist eine Tatsache. ‚Gerechtigkeit müsse sich mit Freiheit verbinden‘, fordert Gauck und wird wohl kaum mit Widerspruch zu rechnen haben, denn wo und wie und mit welchem Ergebnis das geschehen soll bleibt offen. Manche Formulierungen sind dabei gleich so kompliziert, dass sie beim Hören gar nicht zu verstehen sind (etwa: „Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Bedingung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen“) – doch Gauck bekommt trotzdem oder gerade deshalb dafür anhaltenden Beifall! Gauck verlangt mehr ‚Mut zur Verantwortung‘ – aber wozu genau wird ermuntert er damit: zu nichts genau! Joschka Fischer etwa fordert in einer großen Rede 1999 mit derselben Wendung die Zustimmung seiner Partei zum Bundeswehreinsatz in Kosovo ein. Das war bedeutend! Meint Gauck aber hier wirklich nur, man solle zum Beispiel in die Gewerkschaft eintreten? Das wäre bloß harmlos. Auch eine Wendung wie „in unserem Land sollen auch alle zuhause sein können, die hier leben„ ist dann entweder banal oder ausgesprochen brisant. Und so bekommt denn jeder Hörer das zu hören, was er hören will – wenn er denn überhaupt noch hört und sich nicht längst auf den Wellen der gewählten Worte nur noch treiben lässt. Aber all das ist Absicht.

Wo Gauck entschieden und pathetisch wird, etwa bei seinem Eintreten gegen politische und religiöse Extremisten, kann er auf Konsens im Publikum rechnen. Deshalb findet er hier auch die eindrücklichsten Formulierungen seiner Rede: „Euer Hass ist unser Ansporn“, sagt er etwa – unter allgemeinem Applaus. Aber wen genau er damit auf beiden Seiten („ihr“ und „wir“) meint – und vor allem, zu was denn angespornt wird, lässt er wieder offen.

Auch im Vortrag der Rede macht Gauck zwar keine Fehler, bleibt aber – wahrscheinlich bewusst – weit hinter seinen oft erprobten rhetorischen Möglichkeiten zurück: einerseits, um sich staatsmännisch zu geben (was seine neue Rolle auch erfordert), andererseits um auch hier keinen Anstoß zu erregen. In seinen Sätzen betont er deutlich, legt Nachdruck auf wichtige Worten, variiert durchaus lebendige in Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke innerhalb einzelner Passagen; die Gestik ist unverkrampft (aber doch sehr sparsam); der Blick geht ins Publikum (aber auch lange ins Manuskript), die Mimik ist nicht angespannt (aber fast durchgängig sehr ernst und konzentriert). Auf belebende Elemente, auf Scherz oder auf erzählerische Passagen (sonst ja gerade Gaucks ganz große Stärke), verzichtet er völlig. Deshalb hätte die Rede auch nicht länger sein dürfen, wollte Gauck nicht Gefahr laufen, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu verlieren.

In all diesem bleibt Gaucks Rede vielleicht für manchen enttäuschend. Aber anders ging es nicht – rhetorisch gesehen.

Text der Analyse: Boris Kositzke

Zurück